Quelle: http://www.netzeitung.de/sport/wm2009/n ... 41539.htmlLeichtathletik-WM 2009 +++ Das Fest ist vorüber:
Dabei sein war allesSportler und Publikum haben sich in den Tagen von Berlin gegenseitig getragen. Nicht durch die große Show, sondern durch dieses Miteinander wurde die Leichtathletik-WM
zu einem unvergesslichen Ereignis, meint Sven-Ole Knuth.Mittwoch, 19. August 2009, kurz vor halb elf Uhr abends im Berliner Olympiastadion: Die letzte WM-Entscheidung des Tages ist mit dem umjubelten Titelgewinn von Robert Harting im Diskuswurf zu Ende gegangen, nur noch der 400 Meter-Lauf der Zehnkämpfer steht auf dem Programm. Das an diesem Abend sowieso nur zu gut der Hälfte gefüllte Stadion leert sich zunehmend. Doch einige bleiben da, es sind vielleicht noch 15.000 Menschen.
Als die Mehrkämpfer schließlich auf die Bahn kommen, erheben sich die Zuschauer und tragen die Athleten in jedem der fünf Läufe mit ihrem Applaus um die Stadionrunde. Die Erschöpfung ist den Sportler am Ende eines langen, harten Tages ins Gesicht geschrieben, doch in die Müdigkeit mischt sich noch etwas anderes: Erstaunen, Freude, Dankbarkeit. Der Deutsche Pascal Behrenbruch soll dem Stadionsprecher noch ein Interview geben. Alles, was er in diesem Moment zu sagen hat, ist: «Ihr seid so geil!»
«Ihr seid so geil»Diese WM-Randnotiz steht stellvertretend für die Atmosphäre, die neun Tage lang rund um die blaue Laufbahn des Olympiastadions herrschte und die 12. Titelkämpfe der Leichtathleten zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat. Publikum und Sportler gingen eine emotionale Verbindung ein, die beide Seiten zu Höchstleistungen anstachelte.
Vor allem die deutschen Athleten, von Kugelstoßer Ralf Bartels am ersten bis zu Speerwerfer Mark Frank am letzten Tag, gaben in Vorläufen, Halbfinals oder Endkämpfen alles, was sie hatten. Davon zeugen nicht nur die neun Medaillen. Und auch wenn nicht immer alles gut ging, wie bei Franka Dietzsch oder Sebastian Bayer, so war doch allen anzumerken, dass die WM im eigenen Land etwas Besonderes, nicht selten sogar das Größte in ihrer sportlichen Laufbahn war. Das Wörtchen «geil» war, bezogen auf die Stimmung im Stadion, das wohl meistgebrauchte der DLV-Starter in Berlin.
Großen Anteil daran hatten die Menschen auf den Rängen, die nicht Zuschauer, sondern Akteure waren. Kenntnisreich, aufmerksam und vor allem fair begleiteten sie jeden Athleten durch den Wettkampf. Und im Gegenzug heizten die Erfolge der Lokalmatadoren die Bereitschaft, sich die Hände wund zu klatschen, von Tag zu Tag mehr an. Die Bandbreite der Darbietungen reichte von atemloser Stille bei den entscheidenden Sprüngen von Ariane Friedrich bis hin zu ohrenbetäubendem Lärm beim 4x100-Meter-Rennen der Frauen. Und die Unterstützung beschränkte sich nicht nur auf die DLV-Athleten. Den Beweis dafür traten die Fans nicht nur beim Hochsprung-Finale mit Blanka Vlasic, sondern an jedem einzelnen Tag.
Absurde Diskussion um leere RängeAngesichts dessen erscheint die Diskussion um die vielen leeren Plätze im Stadion, die in den ersten WM-Tagen das beherrschende Thema war und teils mit sonderbarer Häme geführt wurde, absurd. Natürlich sehen volle Ränge besser aus als verwaiste Sitzschalen und die Kritik an den hohen Eintrittspreisen ist absolut gerechtfertigt. Doch für alle, die im Stadion dabei sein konnten, ob als Fan oder als Sportler, war das unerheblich, denn das Erlebnis war – der Pathos ist mit Bedacht gewählt – erhebend.
Die Offiziellen des Organisationskomitees und des Leichtathletik-Weltverbandes feiern die WM 2009 als riesigen Erfolg – der reibungslosen Organisation und der perfekten Show des Usain Bolt sei Dank. Kritiker verdammen die Wettkämpfe als Ausdruck einer neuen «Hemmungslosigkeit» in Sachen Doping und überbordender Effekthascherei, die den «wahren Sport» in den Hintergrund drängt. Das alles ist sicherlich zutreffend – mehr oder weniger. Doch wer sich unvoreingenommen auf die neun Tage in Berlin-Charlottenburg eingelassen hat, der kommt nicht umhin zu sagen: Danke schön, das war grandios.